Gegen das städtische Verkehrschaos

Bürgermeister Tim von Winning bei der Bürgerimpulse-Veranstaltung mit Moderator Christoph Botzenhart

Mobilität ist derzeit in aller Munde. Einerseits Grundlage unserer Lebensorganisation und eines Großteils unseres wirtschaftlichen Erfolges, sind die ökologischen Auswirkungen zunehmend Anlass für Widerstand in der Bevölkerung – auch in Ulm. Aus diesem Grund veranstaltete Bürgerimpulse am 13.11.2019 in der SWU-Aula einen Vortrag mit dem für das Thema zuständigen Herrn Bürgermeister Tim von Winning vom Fachbereich Stadtentwicklung, Bau und Umwelt der Stadt Ulm unter dem Titel „Mobilität – Freiheit oder Belastung – wohin geht die Fahrt?“ mit anschließender ausführlicher Diskussionsrunde (Moderation: Christoph Botzenhart).

Vor etwa 120 Zuhörern erklärte von Winning aus Sicht einer Kommune, mit welchen Ansätzen wir unsere Bedürfnisse mit geringerem Aufwand bzw. größerer Effizienz befriedigen können. Es braucht eine Innenstadt der kurzen Wege: der alte Ansatz mit Einkaufszentren vor allem am Stadtrand und einer klaren Trennung zwischen Wohn- und Geschäftsgebieten verlängert die Wege und fördert verstopfte Straßen. Auch die klassischen Einfamilienhäuser, in denen im Durchschnitt immer weniger Menschen pro Haus wohnen, verbrauchen Fläche und verlängern die Distanz zum Nachbarn, zum Arzt oder zum nächsten Einkaufsladen. Nachverdichtung durch Mehrfamilienhäuser mit Mischnutzung ist das Stichwort. Dadurch sind mehr Ziele für mehr Personen umweltfreundlich zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar.

Eine große Rolle spielt auch der öffentliche Nahverkehr. Hier hat Ulm mit der Straßenbahnlinie 2 schon einiges vorgearbeitet. Neue Wohnbauprojekte mit Mehrfamilienhäusern werden nun verstärkt an den ÖPNV-Linien angesiedelt, denn Busse und Straßenbahnen lassen sich nur wirtschaftlich betreiben, wenn sie gut genutzt sind. Dann jedoch ersetzen sie unzählige Autos und die Straßen werden wieder freier.

Zwar hat Ulm auch die Vororte verstärkt ans ÖPNV-Netz angebunden, aber diese Linien sind hoch subventioniert und letztlich gibt es Orte, an denen ein Verzicht aufs Auto unrealistisch ist. Diese Realitäten kann man nicht ignorieren – hier wird Klimaschutz vor allem durch umweltfreundlichere Motorentechnik erreicht. Öffentliche Parkplätze werden auch weiterhin benötigt.

Für die Qualität der Wege an sich muss ebenfalls einiges getan werden. Der für Straßen, Geh- und Radwege zur Verfügung stehende Platz zwischen den Gebäuden ist durch historische bauliche Entwicklungen vorgegeben und kann nicht einfach vergrößert werden. Zu viel davon wird derzeit fürs Parken aufgewendet. Schuld daran ist auch die fehlende Kostenwahrheit: Parken entlang der Wohngebietsstraßen ist für den Parkenden meist gratis – dabei bezahlt diese Flächen die Stadt und sie wären zudem enorm wertvoll für Radwege, sichere Bürgersteige und insgesamt mehr Lebensqualität. Wohnungsbaugesellschaften und andere Vermieter bleiben gleichzeitig auf ihren Tiefgaragenstellplätzen sitzen, deren Preise unter diesen Umständen für viele Autobesitzer unattraktiv sind.

Diese und viele weitere Maßnahmen für den Stadtverkehr der Zukunft – die in diesem Bericht nur exemplarisch wiedergegeben werden konnten – erfordern Augenmaß und einen sehr langen Atem. Denn zum Beispiel entstehen Tiefgaragen erst, wenn neu gebaut wird. Diese Veränderung kann nur mit den Bürgern gelingen, nicht gegen sie.

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Krank durch Stress

Prof. Iris-Tatjana Kolassa in der Diskussion mit Mitgliedern von Bürgerimpulse.

Ob Alltagsstress, schwerwiegende traumatische Ereignisse, Schadstoffbelastung oder eine ungesunde Ernährung – sie kumulieren über die Lebensspanne und erhöhen in einer Dosis-Wirkungsbeziehung die Wahrscheinlichkeit für eine ganze Reihe körperlicher und psychischer Erkrankungen wie Krebs oder Depression.

Prof. Iris-Tatjana Kolassa von der Abteilung Klinische und Biologische Psychologie der Universität Ulm interessiert sich besonders für die biomolekularen Prozesse, die psychischen Erkrankungen zugrunde liegen. Demnach führt Stress zu einem Mehr an zellulären Schädigungen durch oxidativen Stress und chronische Entzündungsprozesse, die den bioenergetischen Stoffwechsel der Zellen in unserem Körper beeinflussen. Das bedeutet letztlich vorzeitige Alterung und ein hohes Krankheitsrisiko.

Bei ihrem Vortrag „Stress geht unter die Haut und in die Zelle“ am 26.09.2019 auf Einladung von Bürgerimpulse im Studio der Sparkasse Ulm stellte die Psychologin erschreckende Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien vor. Demnach wirken negative Kindheitserfahrungen wie Mobbing und Missbrauch nicht nur im Erwachsenenalter weiter, sondern können später sogar noch die Entwicklung der Kinder und Enkel der Betroffenen beeinträchtigen. Die negativen Einflussfaktoren müssen aber gar nicht so schwerwiegend wie Kindesmissbrauch sein, um langfristig schädliche Wirkungen zu zeigen: schon ein übervoller Stundenplan in der Schule beeinträchtigt offenbar die Entwicklung der jungen Menschen anstatt sie zu fördern. Bewegung, Entspannung, positive Freizeitaktivitäten, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf brauchen mehr Raum. Dies setzt sich über die weitere Ausbildung und das Berufsleben bis ins hohe Alter fort. Senioren, die auf positive Weise aktiv bleiben, bauen weniger schnell geistig und körperlich ab. Damit solche Gegenmaßnahmen wirken, müssen sie jedoch langfristig durchgehalten werden. Bereits angerichtete Schäden sind schwer oder auch gar nicht wieder zu reparieren, vor allem nicht im Gehirn.

Was bedeutet dies für die Gesellschaftspolitik? Urlaub heilt nicht alles, was im Alltag kaputt gemacht wurde. Das gesamte Leben sollte vom Kindesalter an gesundheitsbewusster gestaltet werden. Für den Einzelnen bedeutet dies unter anderem Stressreduktion, positive soziale Beziehungen, gesunde Ernährung, Sport und ein Verzicht auf Alkohol und Rauchen. Doch wenn es um die Gestaltung von Stundenplänen und Arbeitsbelastung, die Luftqualität in den Städten (gerade auch um Schulen herum) sowie Möglichkeiten für mehr Bewegung (z.B. durch attraktiveren Fuß- und Radverkehr sowie Sportstätten) geht, wird auch bei der Politik und Arbeitgebern ein Umdenken notwendig. Die Kosten dafür sind womöglich gar nicht hoch, da Krankheitstage und Ausgaben im Gesundheitssystem im Gegenzug sinken werden.

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Auch eine multikulturelle Gesellschaft braucht Zusammenhalt

Prof. Norbert Lammert in der Diskussion mit dem Publikum. Links neben ihm der Gastgeber des Abends Dr. Reinhard Knüppel von Bürgerimpulse.

Prof. Norbert Lammert war von 2005 bis 2017 Präsident des Deutschen Bundestags und ist über Parteigrenzen hinweg respektiert. So wurde es die trotz tropischer Temperaturen mit über 200 Gästen bisher bestbesuchte Veranstaltung von Bürgerimpulse als Lammert am 25.06.2019 im Großen Saal der Volksbank Ulm-Biberach über den schwierigen Begriff der 'Leitkultur' referierte.

Menschen mögen keine Vorschriften, aber wenn in einer Gesellschaft nicht das Recht des Stärkeren, sondern Zusammenhalt und individuelle Freiheiten gelten sollen, muss sich diese auf ein Mindestmaß an gemeinsamen 'Verbindlichkeiten' einigen. Welches diese sind, darf hinterfragt werden und kann sich über die Jahre und Jahrzehnte fortentwickeln. Doch Geld, Wettbewerbsmechanismen oder Machtverhältnisse reichen dazu nicht aus. Eher sind es die Erfahrungen, Überzeugungen, Orientierungen und Traditionen, die in einer Gesellschaft Geltung beanspruchen. Bis auf die gemeinsame Sprache ist dieser Kanon bei uns auch nicht Deutsch, sondern Europäisch. Er beansprucht keine Überlegenheit gegenüber dem Kanon anderer Staaten wie z.B. China. Auch Zuwanderer, die bleiben und hier leben wollen, haben das Recht, sich an der ständigen Diskussion zu beteiligen.

In Europa stehen diese Überzeugungen in einem Spannungsverhältnis zwischen Glaube und Vernunft. Als Beispiel für sich weiterentwickelnde Überzeugungen, bei denen Glaube und Vernunft sich gegenseitig relativieren, nannte Lammert den Wandel des Familienbegriffs in unserer Gesellschaft.

In den einleitenden Artikeln des Grundgesetzes sieht Lammert jedoch nicht Quelle, sondern Ausdruck dieser Überzeugungen. Ausführlich widmete er sich dem Zustandekommen und den Besonderheiten dieses bemerkenswerten Dokuments, das auf unseren sich wandelnden kulturellen Überzeugungen basiert und unter anderem deshalb bereits über 50 Mal geändert wurde.

Die Zuhörer waren beeindruckt und lauschten dem Vortrag diszipliniert. Bemerkenswert ist, dass Lammert dieses schwierige Thema ohne die leiseste Andeutung einer 'Stammtischparole' sachlich abhandelte. Die Gäste dankten es ihm in der Diskussion und ließen sich bei ihren Beiträgen ebenfalls nicht auf dieses Niveau herab. Ein Fazit des Abends war aber auch, dass es nicht auf den Begriff ankommt, sondern auf die Diskussion über den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Obgleich Prof. Lammert in Ulm Aspekte hinzufügte und vertiefte, sind seine Thesen zur Leitkultur noch von einem früheren Vortrag auf seiner Website nachlesbar. Einen Videobericht mit Interview finden Sie bei Regio TV Schwaben. Die Südwest Presse Ulm berichtete ausführlich in ihrer Printausgabe vom 27.06.2019 auf Seite 19.

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Von der Utopie zur Realität

Am 11.04.19 trug Prof. Thomas Straubhaar (hier im Gespräch mit Bernd Scheitterlein und Dr. Reinhard Knüppel) auf Einladung von Bürgerimpulse e.V. in der Handwerkskammer Ulm sein Plädoyer für ein Bedingungsloses Grundeinkommen vor.

Nicht „warum“, sondern „warum nicht“ – ein Bedingungsloses Grundeinkommen müsste mit Blick auf die Zukunft des deutschen Sozialstaates die korrekt formulierte Frage lauten, sagte Prof. Dr. Thomas Straubhaar von der Universität Hamburg bei seinem Vortrag am 11.04.2019 in der Handwerkskammer Ulm auf Einladung von Bürgerimpulse. Denn was auf den ersten Blick Vision oder gar Utopie zu sein scheint, ist bei genauerem Hinsehen eine realistische, pragmatische und vor allem sachgerechte Antwort auf die gewaltigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – also die Digitalisierung als Fortsetzung der Globalisierung mit neuen Technologien, die demografische Alterung mit immer mehr Älteren und die Individualisierung der Gesellschaft mit neuen Formen des Zusammenlebens jenseits der klassischen Familie.

In Zeiten starken und schnellen Wandels soll nicht die neue Welt passend für ein altes Modell gemacht werden. Das alte System muss der neuen Welt angepasst werden. So wird möglich, die sich bietenden Chancen der Zukunft zum Wohle aller zu nutzen.

Ein Grundeinkommen löst viele, aber nicht alle Herausforderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Es beinhaltet manche Unbekannte und verursacht andere Kosten. Genauso gefährlich aber ist das verkrampfte Festhalten an einem veralteten System, das weder den Versprechungen von heute und noch weniger den Herausforderungen von morgen gerecht werden wird. Ein Systemwechsel mag kurzfristig teuer sein. Ein Verzicht auf ein Grundeinkommen jedoch dürfte langfristig teurer werden.

In der Diskussion mit den 120 Gästen räumte Straubhaar ein, dass die Einführung des Grundeinkommens eine Übergangsphase von womöglich zwei Generationen erfordern könnte, denn niemand sollte dabei z.B. seine bereits durch Einzahlungen in die Rentenversicherung erworbenen Ansprüche verlieren. Einwanderung locke dagegen schon das bisherige Sozialsystem an; dem könnte man entgegenwirken, in dem das Grundeinkommen Einwanderern erst nach und nach in jährlich steigenden Prozentsätzen gewährt wird.

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Auf die Kommunikation kommt es an

Prof. Achim Bubenzer referiert bei Bürgerimpulse über den Klimawandel

Prof. Achim Bubenzer hat sich der Klimakommunikation verschrieben. Der Physiker und ehemalige Rektor der Hochschule Ulm argumentiert, dass die Art und Weise, auf die seit über 20 Jahren über den Klimawandel gesprochen wird, einer Lösung des Problems mitunter im Wege steht. Sachlich, ohne Schuldzuweisungen und ohne Ängste sollte mit dem Thema umgegangen werden – aber auch nicht zu technisch, denn wer kann mit Angaben wie "400 ppm CO2" schon etwas anfangen?

Sein Vortrag vor über 170 Gästen im Großen Saal der Volksbank Ulm-Biberach stellte zunächst ein paar Fakten dar: was sehen wir schon jetzt, z.B. schmelzende Gletscher in den Alpen? Es folgten 6 Gründe, weshalb der Klimawandel dennoch schwer zu begreifen und anzugreifen ist: schwere Folgen sind (noch) nicht vor der eigenen Haustür zu sehen und werden auch international oft erst noch erwartet; die Lösung ist zudem eine Gemeinschaftsaufgabe und von Einzelnen nicht zu leisten.

Schließlich setzte sich Bubenzer der Reihe nach mit 10 häufigen Argumenten und Äußerungen auseinander, die in der Debatte vorgebracht werden – z.B. Deutschland allein könne die Welt nicht retten. Nicht alle Argumente sind vor der Hand zu weisen, aber auch kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen.

Das Ziel müsse eine motiviertende Klimakommunikation sein: weniger unverständliche Zahlen, weniger traurige Bilder z.B. abgemagerter Eisbären und auch keine Weltuntergangs-Szenarien. Der Kampf gegen den Klimawandel hat viel mehr das Potenzial, zu einer Erfolgsgeschichte globaler Kooperation zu werden, die eine lebenswerte Welt für unsere Kinder schafft. Beispiele dafür sollte man in den Vordergrund stellen. Dann macht auch das Mitmachen wieder Spaß!

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