26.02.2026
NATO-Führung in Ulm – Über Risiken, Logistik und Abschreckung
In der Ulmer Wilhelmsburg-Kaserne leitet Generalleutnant Kai Rohrschneider das Multinationale Kommando Operative Führung sowie das Joint Support and Enabling Command der NATO. Eine gut besuchte Veranstaltung am 26. Februar 2026 in der Volksbank Ulm-Biberach bot Anlass, ihn zu den Herausforderungen seines Kommandos zu befragen. Bei diesen geht es aktuell vor allem um die Bedrohung durch Russland.
Konfliktlage und russische Strategie
Russland setzt derzeit auf sogenannte hybride Bedrohungen, also die kombinierte Nutzung militärischer und nicht-militärischer Mittel. Besonders betroffen sind der Cyber- und Informationsraum sowie zunehmend auch der Weltraum. Als aufkommendes Problem wurde zudem Sabotage identifiziert.
Ein großangelegter Krieg Russlands gegen die NATO gilt zwar derzeit als unwahrscheinlich. Denkbar wäre jedoch ein regional begrenztes Eindringen in einen Nachbarstaat wie Estland – verbunden mit der Drohung, im Falle einer NATO-Reaktion nukleare Waffen einzusetzen. Dieses kalkulierte Spiel mit der Eskalation wird als Brinkmanship bezeichnet: bewusst wird das Risiko erhöht, um politischen Druck auszuüben.
Der Ukraine-Krieg hat sich für Russland strategisch als Fiasko erwiesen, obwohl er ursprünglich rasch beendet sein sollte. Bemerkenswert ist, dass er dennoch fortgeführt wird – Russland hat mittlerweile vollständig auf Kriegswirtschaft umgestellt.
Rohrschneider erklärte, man könne Russland verstehen, ohne das dortige Handeln akzeptieren zu müssen: Moskau fühle sich durch die Werte und den Einfluss des Westens bedroht und reagierte immer wieder auf die Annäherung der Ukraine an Europa.
Die Reaktion der NATO
Die militärische Dimension staatlicher Macht hat – entgegen früherer Annahmen – wieder deutlich an Bedeutung gewonnen. Das zentrale Ziel der NATO sei unverändert die glaubwürdige Abschreckung potenzieller Gegner.
Ein aktueller Schwerpunkt ist das Enablement, also die Befähigung der NATO-Streitkräfte, rasch und wirksam in Einsatzgebiete verlegt und dort auch versorgt werden zu können. Von dem politisch erklärten Ziel, fünf Prozent des BIP für Verteidigung aufzuwenden, entfallen etwa 1,5 Prozent auf diesen Bereich.
Seit 2022 hat die NATO große Fortschritte erzielt: das Reinforcement and Sustainment Network soll zuverlässige Transporte und Versorgung an der Ostgrenze des Bündnisses ermöglichen. Dies wird unter anderem durch Ertüchtigung von Bahnstrecken und Autobahnen erreicht. Die logistischen Anforderungen wären im Ernstfall enorm – etwa wäre der Treibstoffbedarf insbesondere für die Luftstreitkräfte gigantisch, sogar höher als im zivilen Luftverkehr.
In Ulm werden militärische Kräfte aus 32 Staaten koordiniert. Die Herausforderungen sind sowohl physischer Natur – Häfen, Brücken, Straßen, Lagerkapazitäten – als auch funktional. Letzteres betrifft vor allem die Schaffung einer „militärischen Schengen-Zone“: bislang waren Logistik-, Gefahrgut- und Schwertransport-Regelungen in Europa nicht harmonisiert, was Truppenbewegungen stark erschwerte. Die EU arbeitet nun an zentralen Vorgaben, wobei Deutschland aufgrund seiner geografischen Lage eine Schlüsselrolle einnimmt.
Zivile Herausforderungen
Im Kriegsfall könnte der Seehandel als zentrale Lebensader der Wirtschaft teilweise oder vollständig zum Erliegen kommen. Die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens wäre dann eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – allerdings eine äußerst schwierige. Dazu braucht es zuverlässige zivile Leistungsträger sowie Investitionen in kritische Infrastruktur. Bestimmte Hotspots wurden bereits identifiziert und werden aktuell analysiert.
Frieden zu erhalten ist eine anspruchsvolle, aber lösbare Aufgabe.
Fragen aus dem Publikum
Zur Frage, ob Ulm als NATO-Standort ein besonderes Angriffsziel wäre, erklärte Rohrschneider, dass das Hauptquartier im Ernstfall die Wilhelmsburg verlassen würde. Ein möglicher Militärschlag gegen die Anlage wäre zudem mit modernen Mitteln so präzise, dass der übrige Teil der Stadt kaum betroffen wäre. Man müsse jedoch auch andere potenzielle Ziele wie den strategisch wichtigen Ulmer Hauptbahnhof in Betracht ziehen.
Eine weitere Frage betraf die Rolle unbemannter Drohnen. Rohrschneider erwartet ihren Bedeutungszuwachs, betonte aber, dass sie keine Allzwecklösung seien und auf dem Gefechtsfeld gut abwehrbar blieben. Zudem veralte die Technik schnell, was Massenbeschaffungen auf Vorrat wenig sinnvoll mache.
Zum Abschluss unterstrich ein Besucher die Bedeutung diplomatischer Lösungen und internationaler Zusammenarbeit.
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