Krank durch Stress

Prof. Iris-Tatjana Kolassa in der Diskussion mit Mitgliedern von Bürgerimpulse.

Ob Alltagsstress, schwerwiegende traumatische Ereignisse, Schadstoffbelastung oder eine ungesunde Ernährung – sie kumulieren über die Lebensspanne und erhöhen in einer Dosis-Wirkungsbeziehung die Wahrscheinlichkeit für eine ganze Reihe körperlicher und psychischer Erkrankungen wie Krebs oder Depression.

Prof. Iris-Tatjana Kolassa von der Abteilung Klinische und Biologische Psychologie der Universität Ulm interessiert sich besonders für die biomolekularen Prozesse, die psychischen Erkrankungen zugrunde liegen. Demnach führt Stress zu einem Mehr an zellulären Schädigungen durch oxidativen Stress und chronische Entzündungsprozesse, die den bioenergetischen Stoffwechsel der Zellen in unserem Körper beeinflussen. Das bedeutet letztlich vorzeitige Alterung und ein hohes Krankheitsrisiko.

Bei ihrem Vortrag „Stress geht unter die Haut und in die Zelle“ am 26.09.2019 auf Einladung von Bürgerimpulse im Studio der Sparkasse Ulm stellte die Psychologin erschreckende Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien vor. Demnach wirken negative Kindheitserfahrungen wie Mobbing und Missbrauch nicht nur im Erwachsenenalter weiter, sondern können später sogar noch die Entwicklung der Kinder und Enkel der Betroffenen beeinträchtigen. Die negativen Einflussfaktoren müssen aber gar nicht so schwerwiegend wie Kindesmissbrauch sein, um langfristig schädliche Wirkungen zu zeigen: schon ein übervoller Stundenplan in der Schule beeinträchtigt offenbar die Entwicklung der jungen Menschen anstatt sie zu fördern. Bewegung, Entspannung, positive Freizeitaktivitäten, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf brauchen mehr Raum. Dies setzt sich über die weitere Ausbildung und das Berufsleben bis ins hohe Alter fort. Senioren, die auf positive Weise aktiv bleiben, bauen weniger schnell geistig und körperlich ab. Damit solche Gegenmaßnahmen wirken, müssen sie jedoch langfristig durchgehalten werden. Bereits angerichtete Schäden sind schwer oder auch gar nicht wieder zu reparieren, vor allem nicht im Gehirn.

Was bedeutet dies für die Gesellschaftspolitik? Urlaub heilt nicht alles, was im Alltag kaputt gemacht wurde. Das gesamte Leben sollte vom Kindesalter an gesundheitsbewusster gestaltet werden. Für den Einzelnen bedeutet dies unter anderem Stressreduktion, positive soziale Beziehungen, gesunde Ernährung, Sport und ein Verzicht auf Alkohol und Rauchen. Doch wenn es um die Gestaltung von Stundenplänen und Arbeitsbelastung, die Luftqualität in den Städten (gerade auch um Schulen herum) sowie Möglichkeiten für mehr Bewegung (z.B. durch attraktiveren Fuß- und Radverkehr sowie Sportstätten) geht, wird auch bei der Politik und Arbeitgebern ein Umdenken notwendig. Die Kosten dafür sind womöglich gar nicht hoch, da Krankheitstage und Ausgaben im Gesundheitssystem im Gegenzug sinken werden.

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